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Buchhandlung Lauf

Rezensionen

Alex Capus
6 Rezensionen



Königskinder 15. Oktober 2018
Als Max und Tina in ihrem Auto eingeschneit auf einem Alpenpass ausharren müssen, erzählt Max eine Geschichte, die genau dort in den Bergen, zur Zeit der französischen Revolution, ihren Anfang nimmt.
Jakob ist ein Knecht aus dem Greyerzerland. Als er sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern, verliebt, ist dieser entsetzt. Er schickt den Jungen erst in den Kriegsdienst, später als Hirte an den Hof Ludwigs XVI. Dort ist man so gerührt von Jakobs Unglück, dass man auch Marie nach Versailles holen lässt. Meisterhaft verwebt Alex Capus das Abenteuer des armen Kuhhirten und der reichen Bauerntochter mit Max' und Tinas Nacht in den Bergen. Ein hinreißendes Spiel zwischen den Jahrhunderten.

Der Schreibstil des Autors ist extrem angenehm zu lesen und durchaus eigen. Das verleiht der Story einen ganz eigenen Charme. Ich finde, dass der Autor die Handlungsstränge um Tina/Max und Jakob/Marie sehr gut miteinander verwoben hat. Sie haben gut miteinander harmoniert und die Erzählung wirkte insgesamt sehr echt.
Für mich hat jedoch ein wenig Tiefe gefehlt. Es schien mir alles relativ belanglos und oberflächlich zu sein, wodurch zu keinem der Charaktere eine Bindung aufbauen konnte. Daher hat mich die Story auf emotionaler Ebene nicht erreicht.
Insgesamt ist die Geschichte wirklich nett zu lesen, nachhaltig begeistern konnte sie mich aber nicht.
Wie ein Märchen 29. September 2018
Inhalt:

Max und Tina bleiben auf einem verschneiten Alpenpass stecken und müssen die Nacht im Auto verbringen. Um das Warten in der kalten, langen Nacht zu überbrücken, erzählt Max eine Geschichte, die genau dort in den Bergen ihren Anfang nimmt und Jahrhunderte zurückliegt.

Es ist die Zeit der Französischen Revolution, eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs in Europa.
Jakob ist ein Hirte aus dem Greyerzerland und verliebt sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Der Vater will den Jungen loswerden und tut alles was in seiner Macht steht, um Jakob von Marie fernzuhalten. Er schickt ihn erst in den Kriegsdienst und dann an den Hof Ludwigs XVI, wo auch dessen Schwester Elisabeth lebt. Diese hat sich dort einen Traum erfüllt und spannt Jakob voll mit ein. Doch nach einiger Zeit, merkt neben den Dienstmädchen auch die Prinzessin, dass Jakob alles andere als glücklich ist. Sie sucht nach einer Lösung, denn ihren Kuhhirten will sie auf keinen Fall ziehen lassen.

Meine Meinung:

In diesem Buch bettet der Autor eine Liebesgeschichte in eine Liebesgeschichte ein.

Nachdem Max und Tina gezwungen sind, eine Nacht in ihrem eingeschneiten Auto zu verbringen, beginnt Max eine Geschichte zu erzählen. Die beginnt und endet wie ein Märchen.
Capus erzählt mit einer solchen Detailverliebtheit, dass man um sich herum beim Lesen fast alles vergisst. Dies ist gewiss kein Werk, durch welches man eben mal so durchfliegt. Man muss es langsam und bewusst lesen, um auch wirklich alles zu verstehen. Er vermittelt den Lesern zudem einiges an Wissen über die damalige Zeit. So z.B. die Erfindung des Heißluftballons, der Ausbruch des Vulkans Laki und die daraus resultierenden Folgen, der Sturm auf die Bastille etc.

Die Charaktere waren schön gezeichnet und sehr fassettenreich. Tina und Max eher modern, liebenswert und ein bisschen streitlustig. Bei Jakob und Marie spürt man deutlich, dass sie aus einer anderen Zeit stammen, ihre Liebe gleicht einem zarten Pflänzchen und sie passen sich sehr den damaligen Gepflogenheiten an.
Wobei Prinzessin Elisabeth für die damalige Zeit ein ziemlicher Wildfang gewesen sein muss. Mit ihr ist dem Autor ein interessanter und abwechslungsreicher Charakter gelungen.

Der Schreibstil war super angenehm und ließ sich flüssig lesen.
Der Aufbau der Geschichte hat mir gut gefallen. Zwischendurch gibt es immer wieder Sequenzen, in denen Tina Max etwas fragt oder ihn auf Etwas aufmerksam machen will.
Das Cover gefällt mir. Es ist schlicht und doch sehr aussagekräftig. Im Nachhinein macht für mich auch der Titel Sinn, anfänglich konnte ich damit nicht wirklich viel anfangen.

Fazit:

Eine tolle Geschichte, super erzählt, ein bildhafter und fesselnder Schreibstil. Auch wenn das Buch nicht sehr dick ist, so kann man sich doch eine geraume Zeit damit beschäftigen und auch nach dem Lesen hallt es noch nach. Eine klare Leseempfehlung.
Dramatisches Geschehen, leichtfüssig erzählt 29. September 2018
Ein Paar in mittleren Jahren bleibt auf einem Gebirgspass mit seinem Auto im Schnee stecken und vertreibt sich die Zeit, indem der Ehemann zu erzählen beginnt, nämlich den Verlauf der Liebe von Jakob und Marie. Seine etwas zickige Frau unterbricht den Erzählfluss immer wieder, doch es schält sich eine Liebesgeschichte heraus, so simpel und berührend wie die meisten dieser Art, und doch steht sie für einen ganz persönlichen Urknall der Liebe.
Capus wählt zu Beginn eine bäuerliche Szenerie in den Schweizer Alpen, die aber bald ins Frankreich Ludwigs XVI. weiterleitet. Vorerst aus Kriegsgründen getrennt, dürfen sich die Liebenden auf abenteuerlichen Wegen und dank ihrer unerschütterlichen Beharrlichkeit nach Jahren aber trotzdem wiederfinden. Dabei schildert der Autor die hygienischen Zustände auf den Verkehrswegen und das groteske Leben am royalen Hof kurz vor Ausbruch der französischen Revolution so anschaulich, dass man sich beim Lesen am liebsten die Nase zuhalten möchte.
Capus erzählt in gewohnter Virtuosität, Plastizität und Leichtigkeit. Zuvor muss er gründlich recherchiert haben, denn die historischen Hintergründe stimmen. Auch die Daten von Jakob und Marie sind in den Greyerzer Kirchenbüchern immer noch nachzulesen.
Einen reizvollen Kontrast bildet der Bilderbuch-Bauernhof von Ludwigs Schwester Elisabeth zur rustikalen alltäglichen Wirklichkeit. Quasi als Zusatz werden zwei Paare einander gegenübergestellt, und einige Parallelen scheinen auf. Es stellt sich dem eingeschneiten Paar auch die Frage, wie sich ihre Beziehung hat entwickeln können.
Ein schlankes Bändchen, das nun wirklich den Wunsch nach Mehr weckt.
Von Widerständen, beständiger Liebe, Standesunterschieden und dem Stand der Dinge 04. September 2018
„Tina und Max waren ein Paar, das sich in den großen Dingen des Lebens immer einig war. Über die kleinen Dinge zankten sie sich unablässig, aber in den großen Dingen verstanden sie sich blind.“ S. 8f. Als sie wider besseren Wissens eine Passstraße befahren, werden sie eingeschneit und müssen im Auto die Nacht verbringen. Max erzählt zur Ablenkung Tina eine wirklich wahre Geschichte: Vom Kuhhirten Jakob Boschung und von Marie, der Tochter des reichsten Bauern, die sich gegen den erbitterten Widerstand von Maries Vater verlieben.

Das ist so ein kleines Büchlein, das gleitet locker und sanft über den Leser wie eine Feder. Es streichelt mit Sätzen wie „…und dann nimmt er sich vor, ihr ab sofort jeden Wunsch zu erfüllen, bevor sie ihn haben muss.“ S. 164; es kitzelt mit Anmerkungen wie „Das gefällt den Mädchen. Sie finden, dass man mit einem, der so wenig spricht, gut reden kann.“ S. 45, es hält warm S. 150 „Mag ja sein, dass es dieses Glück geben kann, den richtigen, einzigen Menschen gefunden zu haben, den rätselhafterweise nicht austauschbaren und nicht zu ersetzenden, die andere Hälfte“. Ich habe den Text langsam gelesen, weil er ein angenehmes Gefühl vermittelt, das ich noch ein wenig verlängern wollte. Nein, es ist vermutlich sonst nichts Besonderes. Es ist „nur“ schön, ein Buch für den Nachttisch oder als Geschenk für Verliebte, mit den markierten Stellen von oben.

Die eingangs genannten Zankereien sind köstlich - so beim Festfahren des Autos, Alex Capus arbeitet da mit Wiederholungen:
"So etwas Saublödes machen nur Touristen."
"Nur die arrogantesten Blödiane unter den Touristen." S. 14
Oder
"Ein bisschen gefährlich ist das schon."
"Verdammt gefährlich" S. 15 Es ist ein wenig wie bei Loriot…
Auch die Diskussionen sind herrlich: Max erzählt lange, eine Geschichte, wie Marie und Jakob den ganzen Winter in den Bergen verbringen, sich lieben, essen, sich wieder lieben, jagen, er ihr vorsingt.
„Das ist schön“, sagte Tina. „Was meinst du, ob das Mädchen schwanger ist?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„Seltsam….
Und Tina diskutiert und diskutiert, gynäkologische Probleme oder urologische. Wenn es nicht der Geschichte dient, da ist Max stur. S. 96. Ein bisschen wie daheim...

Ob die Geschichte wirklich wahr ist? Nun ja
https://de.wikipedia.org/wiki/Élisabeth_Philippine_Marie_Hélène_de_Bourbon
Doch das, was ich gesehen habe, die Parallelität der Amour fou, bei Tina und Max in der Eisdiele und bei Jakob und Marie beim Heimbringen der Kinder, ist vielleicht nur ein Ansatz. Autor Capus
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/koenigskinder/978-3-446-26009-2/ nennt andere, siehe die 5 Fragen, der Button unter dem Link. Ich zitiere „Die meisten Menschen ahnen heute, glaube ich, dass wir in einer Epoche der Zeitenwende leben. Große Veränderungen stehen uns bevor, das fühlen wir ganz sicher, aber wir wissen nicht, wie die Welt morgen aussehen wird. Ebenso ging es den Menschen am Vorabend der Französischen Revolution.“ Das ist jetzt eine Deutung, auf die ich nicht selbst gekommen wäre, auch wenn es in Max‘ Beschreibung der Geschehnisse um Jakob und Marie einige im Kontrast deutlich wirkende Begriffe eingeschoben gibt, „bedingungsloses Grundeinkommen“ beispielsweise, am Hof. Was wäre es dann? Habt Vertrauen, auch in den Umwälzungen, Digitalisierung oder Flüchtlingswelle, hilft Beständigkeit und Vertrauen? Ich mag da nicht so ganz folgen, aber es ist ein hübscher Ansatz.

Für ein rundum hübsches Werk 5 Sterne
Verzaubert ohne Kitsch 31. August 2018
von Ina
Alex Capus versteht zu erzählen. Schon nach den ersten Sätzen bin ich in die Geschichte eingetaucht. Das gegenseitige Necken des Pärchens Max und Tina, die in ihrem Auto eine verschneite Bergstraße hochfahren, haben mich zum Schmunzeln gebracht. Der abwechslungsreiche Dialog zwischen den beiden macht richtig Spass zu lesen. Dann beginnt der zweite Handlungsstrang. Max erzählt eine Geschichte, die in den Schweiz des 18 Jh. beginnt und über Versailles große Geschichte im Kleinen zeigt. Es geht um Liebe, zeigt aber auch wunderbar der Verfall der feudalen Herrschaft. Immer wieder wird dieser Erzählstrang von Dialogen zwischen Max und Tina unterbrochen. Das empfand ich aber nicht als störend, sondern sie lockert die Geschichte sehr auf.
Ich hatte lange kein Buch mehr, was so positiv war ohne ins kitschige abzurutschen. Die Geschichte ist rund und macht Freude zu lesen. Sprachlich ist sie top. Oft wirkt es märchenhaft, obwohl es vor einem realen Hintergrund spielt, die Absetzung der Monarchie in Frankreich, aber auch die ersten Versuche von Heißluftballons. Oft war ich hin und her gerissen, ob es vielleicht wirklich so geschah oder alles erdacht ist. Denn durch die Nutzung realer historischer Ereignisse wirkte die Geschichte sehr authentisch auf mich. Durch die Erzählform von Max gewann sie dagegen wieder etwas Märchenhaftes. Am Ende ist das auch egal, aber diese Mischung zwischen Märchen und Realität ist in meinen Augen gelungen.
Kritik muss ich eigentlich nur am Cover äußern. Irgendwie wirkt es auf mich traurig und trostlos. Und das passt so gar nicht zur Geschichte, zu beiden Geschichten nicht. Denn es ist ein rein positives Buch, dass hätte man auch durch das Cover ausdrücken können.
Es ist ein dünnes Buch, das locker Stoff für einen dicken Schmöker bietet, aber so ist es für mich eine wirklich runde Geschichte, die entspannt und dennoch nachwirkt. Großartige Leistung.
Die Kraft der Erzählung 30. August 2018
Max und Tina sind schon über zwanzig Jahre verheiratet. Der jüngste Sohn ist gerade aus dem Haus, sie haben ihn soeben in der Hotelfachschule im Berner Oberland abgesetzt und beschließen dann, die Abkürzung über den gesperrten Jaunpass zu nehmen. Doch es beginnt zu schneien… und als Max und Tina schließlich den Pass erreicht haben, kommen sie nicht mehr weiter. Sie beschließen, die Nacht im Auto zu verbringen. Max möchte die Zeit schneller vergehen lassen und erzählt die Geschichte von Jakob, einem Hirtenbuben aus dem 18. Jahrhundert, der im Greyerzerland aufwächst, in der Nähe des Jaunpasses. Er verliebt sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Und so nimmt die Geschichte seinen Lauf, und bringt Jakob bis nach Versailles.

Dies war mein erster Capus. Das Buch ist relativ kurz, knappe 180 Seiten, und liest sich sehr leicht. Max und Tina sind eines dieser lang verheirateten Paare, die sich einfach in und auswendig kennen. Es kommt häufig zu kleinen Sticheleien. Insgesamt fand ich ihren Wortwechsel sehr unterhaltsam. Max ist ein geborener Erzähler; seine Geschichte hat Hand und Fuß. Ich fand die Geschichte um Jakob die unterhaltsamere der zwei Erzählstränge. Jakob ist ein sympathischer, bodenständiger Protagonist. Zu Marie fand ich keinen so guten Zugang, sie wird meist nur eher oberflächlich und flach beschrieben. Gekonnt lässt der Autor historische Details in die Geschichte einfließen, wie z.B. der Ausbruch des Laki-Kraters oder die erste Ballonfahrt der Brüder Montgolfier. Ab und zu wird die Geschichte von Tinas Zwischenfragen unterbrochen, oft kommt es dann zu einem unterhaltsamen hin- und her zwischen den Eheleuten, jedoch trägt dies insgesamt wenig zur Geschichte bei. Capus ist eine gut geschriebene, abwechslungsreiche Geschichte mit einigen lustigen Details gelungen, jedoch ohne große Überraschungen. Ein unterhaltsames, durchaus empfehlenswertes Buch.